Ein 260 Meter hoher Turm im Schatten des Matterhorns – ist das die Antwort auf die Wohnungsnot, die Schweizer Tourismusdestinationen im Griff hat? Während sich die Branche mit Sammelklagen gegen Booking.com wehrt und nach neuen Wellness-Trenden wie Longevity sucht, stellt der Zermatter Hotelier und Künstler Heinz Julen eine radikale Frage: Statt nur über Probleme zu klagen, warum nicht architektonisch und sozial revolutionär denken? Sein Projekt «Lina Peak» ist mehr als ein Bauvorhaben; es ist ein gesellschaftspolitischer Statement und ein Testfall für die Zukunft des Tourismus in der Schweiz. Kann ein solcher Turm die Balance zwischen wirtschaftlichem Erfolg und sozialer Verantwortung wiederherstellen, oder ist er ein störender Fremdkörper in der alpinen Idylle? Die Debatte um bezahlbaren Wohnraum für Einheimische und Mitarbeitende erreicht mit diesem visionären Entwurf eine neue Dimension.
Ein 260-Meter-Turm als Antwort auf die Zermatter Wohnungskrise

Heinz Julen, eine bekannte Figur in Zermatt, schlägt mit dem «Lina Peak» einen Weg ein, der gleichermassen bewundert und kontrovers diskutiert wird. Sein Konzept ist eine direkte Reaktion auf ein Phänomen, das nicht nur Zermatt betrifft: der exponentielle Anstieg der Immobilienpreise in erfolgreichen Tourismusdestinationen. Julen identifiziert den Wohnraummangel als ein zentrales, systemisches Problem, das die Seele einer Destination bedroht. Sein Lösungsvorschlag ist ebenso einfach wie gewagt. Anstatt das Dorfzentrum weiter zu verdichten, schlägt er einen eigenständigen, hoch aufragenden Bau ausserhalb des Kerngebiets vor. Dieser Turm soll auf einer minimalen Grundfläche maximalen Wohnraum schaffen und so das historische Ortsbild entlasten. Die Kernidee ist sozial verankert: Mindestens die Hälfte der 500 geplanten Wohnungen ist für bezahlbares Wohnen für Einheimische reserviert. Damit stellt Julen den Nutzen für die Gemeinschaft über rein spekulative Gewinninteressen und setzt ein Zeichen gegen die Verdrängung der lokalen Bevölkerung.
Die Wohnungsnot in Schweizer Tourismusdestinationen

Das Problem, das Julen adressiert, ist kein Zermatter Alleingang. Vom Engadin bis nach Interlaken kämpfen erfolgreiche Destinationen mit den paradoxen Folgen ihres eigenen Erfolgs. Die starke Aufwertung von Immobilien zieht internationale Investoren an, die Preise in schwindelerregende Höhen treiben. Die Gewinne aus diesen Transaktionen fliessen jedoch selten in die lokale Gemeinschaft zurück, sondern landen bei externen Kapitalgebern. Für die einheimische Bevölkerung und die für den Tourismusbetrieb unverzichtbaren Mitarbeitenden hat dies eine doppelte, verheerende Folge. Erstens wird Wohnraum schlichtweg unbezahlbar. Zweitens geht damit ein Stück Identität und Heimatgefühl verloren, wenn Familien, die seit Generationen an einem Ort leben, wegziehen müssen. Diese Entwicklung untergräbt langfristig die Authentizität und Funktionsfähigkeit einer Destination. Wo sollen die Kellner, die Rezeptionistinnen oder die Skilehrer wohnen, wenn ein einfaches Studio monatlich mehrere Tausend Franken kostet? Die aktuelle Klagewelle der Hotellerie gegen Booking.com zeigt, dass der Branchendruck gross ist. Die Wohnungsfrage ist dabei eine der fundamentalsten Herausforderungen.
Die Fakten im Überblick: Was der Turm leisten soll
260 Meter Höhe: Der Turm würde eine markante, neue Landmarke schaffen und das Prinzip der vertikalen Verdichtung in den Alpenraum tragen.
62 Etagen: Auf dieser Fläche sollen bis zu 500 Wohnungen in verschiedenen Grössen und Kategorien entstehen, von kompakten Studios bis zu Familienwohnungen.
Multifunktionaler Ansatz: Neben Wohnraum sind auch Konferenzmöglichkeiten für Business-Events und Tagungen geplant, was der Destination Zermatt ein zusätzliches Standbein im MICE-Sektor (Meetings, Incentives, Conferences, Exhibitions) verschaffen könnte.
So will Lina Peak die Zermatter Bevölkerung entlasten
Das Projekt «Lina Peak» unterscheidet sich fundamental von herkömmlichen Luxusimmobilien-Projekten. Sein Herzstück ist ein verbindliches soziales Versprechen. Die Reservierung von mindestens 50 Prozent der Wohnungen für Einheimische zu kontrollierten Mietpreisen ist keine freiwillige Geste, sondern konzeptionelle Grundlage. Das bedeutet konkret: 250 Haushalte aus Zermatt und Umgebung könnten von bezahlbarem, dauerhaftem Wohnraum profitieren. Dies entlastet nicht nur die betroffenen Familien finanziell, sondern auch das überhitzte Dorfzentrum. Durch die dezentrale Lage am Fuss der Berge, aber dennoch in guter Anbindung, wird der Druck von der historischen Bausubstanz genommen. Julens Vision zielt darauf ab, Spekulationsgewinne aus diesem Teil des Projekts herauszunehmen und stattdessen einen gemeinwohlorientierten Kreislauf zu etablieren. Der Turm wäre somit nicht nur ein Gebäude, sondern ein Instrument der aktiven Stadt- und Sozialplanung.
Kritische Einwände und Julens Antworten
Keine visionäre Idee bleibt ohne Widerspruch, und der «Lina Peak» bildet da keine Ausnahme. Die Kritikpunkte sind vielfältig und wiegen schwer in einer sensiblen Bergwelt.
Der offensichtlichste Einwand betrifft das Landschaftsbild. Ein solch dominanter Turm würde die Silhouette Zermatts für immer verändern. Ist ein 260-Meter-Bauwerk mit dem traditionellen, chaletgeprägten Ortsbild vereinbar? Julen argumentiert hier mit der Notwendigkeit und der bewussten Setzung. Der Turm sei ein klares Statement der Moderne und eine pragmatische Antwort auf ein drängendes Problem. Er stehe nicht in Konkurrenz zur traditionellen Architektur, sondern ergänze sie an einem bewusst gewählten, peripheren Standort.
Ein zweiter grosser Komplex ist die Infrastruktur. 500 zusätzliche Haushalte bedeuten mehr Verkehr, höheren Bedarf an Wasser, Energie und Abfallentsorgung sowie eine Belastung für Schulen und soziale Einrichtungen. Diese berechtigten Fragen verlangen nach detaillierten Konzepten für Verkehrsanbindung (vermutlich mit Schwerpunkt auf ÖV und E-Mobilität) und nachhaltiger Versorgungstechnik.
Schliesslich steht die Frage der Akzeptanz im Raum. Wie reagieren die Zermatter Bevölkerung, die Gemeindebehörden und die Kantonsregierung? Wird der Turm als rettende Lösung oder als störende Provokation wahrgenommen? Die Diskussion ähnelt jener um grosse Hotelprojekte der Vergangenheit – sie fordert eine Destination heraus, sich über ihre eigene Zukunft zu verständigen. Die aktuelle Medienberichterstattung zeigt, dass der Branche der Mut zu innovativen Lösungen nicht fehlt, wie auch der Vorstoss des Zürcher Hotels gegen Booking.com beweist.
Lektionen für die Schweizer Hotellerie: Vom Problem zur Chance
Die Debatte um den «Lina Peak» bietet wertvolle Impulse für Hoteliers in der ganzen Schweiz, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Wohnraum als Standortfaktor: Die Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum für Mitarbeitende entwickelt sich zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Hotels, die hier Lösungen anbieten können, binden wertvolle Mitarbeitende langfristig.
Kooperation mit der Gemeinde: Statt isoliert zu agieren, sind Partnerschaften mit Gemeinden bei der Entwicklung von Wohnprojekten der Schlüssel. Dies stärkt die lokale Verankerung und schafft politische Akzeptanz.
Innovation wagen: Die Balance zwischen Tourismus und Lebensqualität zu halten, erfordert mutige Ideen – sei es in der Architektur, bei Mitarbeiter-Benefits oder in der Zusammenarbeit mit Plattformen. Der Trend zu Longevity und ganzheitlichem Wohlbefinden zeigt, dass Gäste und Mitarbeitende nachhaltige Konzepte schätzen.
Ihre Meinung: Wie lösen wir die Wohnungsfrage im Tourismus?


Der «Lina Peak» ist ein extrem sichtbarer Vorschlag in einer überlebenswichtigen Debatte. Ist vertikales Bauen der richtige Weg für alpine Destinationen? Sollten Hotelketten vermehrt in Mitarbeiterwohnheime investieren? Oder braucht es strengere gesetzliche Vorgaben gegen Spekulation? Die Zukunft des Schweizer Tourismus wird massgeblich davon abhängen, wie wir die soziale Frage des Wohnens lösen. Diskutieren Sie mit uns auf hotelstern.ch über nachhaltige Tourismusentwicklung. Entdecken Sie in unserer Rubrik auch vorbildliche Schweizer Hotels, die in enger Kooperation mit ihrer Gemeinde stehen. Und für weitere vertiefende Insights zu den Trends und Herausforderungen der Branche – von der Plattform-Ökonomie bis zum Wellness der Zukunft – abonnieren Sie doch einfach unseren Newsletter.