Das Ziegelhüsi in Stettlen-Deisswil vereint 300 Jahre Geschichte mit modernem Self-Check-in-Hotel-Konzept. Ein Haus mit vielen Leben, das heute flexible Übernachtungen bietet.
Ein kleines, steinernes Haus unter einem roten Ziegeldach – so steht es seit über 300 Jahren in Stettlen-Deisswil, unweit der Stadt Bern. Schon der Name klingt nach einem Widerspruch: Ein „Hüsi“ aus Ziegeln? In einer Zeit, als solche Materialien dem Repräsentationsbau vorbehalten waren, muss dieses Haus tatsächlich etwas Besonderes gewesen sein. Heute ist das Ziegelhüsi ein Self-Check-in Hotel Garni, das seine Gäste mit einer ebenso unkomplizierten wie charmanten Gastlichkeit empfängt. Die Mauern haben so einiges erlebt – und das spürt man.
Alles begann im Jahr 1706, als Johann Rudolf Scheurer das obere Deisswilgut erwarb. Das „Ziegelhäusli“ diente ihm zunächst als Umschlagplatz für Weinfuhren aus dem Neuenburgischen. Bald jedoch wurde daraus eine Pintenschenke, in der die Getränke direkt vor Ort genossen wurden. Die erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1719 berichtet sogar von einer Rüge des Chorgerichts: Vier Männer wurden beim Kartenspiel im Ziegelhäusli erwischt und mussten fünf Batzen Strafe zahlen. So ist dieses Haus von Anfang an ein Ort der Begegnung – und des gelegentlichen Übermuts.
Vom Wirtschaftsbetrieb zur Betriebskantine
Im Laufe der Jahrhunderte wechselte das Ziegelhüsi mehrfach den Besitzer, überstand einen Konkurs im Jahr 1903 und eine Brandkatastrophe im Februar 1904. Eine besonders prägende Wende kam im Dezember 1919: Ulrich Joerg kaufte das Anwesen für 60.000 Franken – im Namen der Kartonfabrik, die damals ihre Belegschaft vergrösserte. Das Ziegelhüsi wurde zur Betriebskantine. Fast 100 Jahre lang blieb die Verbindung zur Fabrik bestehen, während sich das Haus immer wieder wandelte. 2014 holte der Bernapark das Ziegelhüsi zurück und integrierte es in seine Infrastrukturprojekte. Der Kreis hatte sich geschlossen: Aus einer Arbeiterkantine war ein Teil eines modernen Areals geworden.
Geheimtipp mit 13 Gault-Millau-Punkten – und der Neuanfang als Garni
Unter den Pächtern Franz Derungs und später Fabian Mauerhofer entwickelte sich das Restaurant Ziegelhüsi zu einem Geheimtipp für Spitzenküche in der Region Bern. Mit 13 Gault-Millau-Punkten war es ein Leuchtturm der Gastronomie. Doch im Sommer 2023 schloss das Restaurant. Das Hotel aber blieb – und wurde konsequent neu gedacht. Seit September 2023 läuft der Betrieb als Self-Check-in Hotel Garni. Die Gäste checken selbstständig ein und aus, rund um die Uhr. Keine Rezeption, kein Empfang – aber eine Freiheit, die viele Reisende heute zu schätzen wissen. Die Suche nach einer Nachfolgelösung für den Gastrobetrieb läuft derweil weiter, der Hotelbetrieb aber ist lebendig und gut.


Ankommen, wann immer man möchte – Frühstück in der Bäckerei nebenan
Das Konzept ist denkbar einfach: Buchung online, Türcode per E-Mail, Ankunft zu jeder Stunde. Die Zimmer sind klar, funktional und ruhig eingerichtet – perfekt für alle, die auf der Durchreise sind oder die Gegend erkunden möchten. Von Montag bis Samstag serviert die Bäckerei Reinhard im Nebengebäude ein leckeres Frühstück. Ein kleiner, aber feiner Service, der den Aufenthalt abrundet. Sonntags ist leider kein Frühstück möglich – ein Hinweis, der die Bescheidenheit des Hauses zeigt. Kein grosser Wellnessbereich, kein rundum-Sorglos-Paket, aber eine ehrliche Gastlichkeit, die auf Vertrauen setzt.
Das Ziegelhüsi ist mehr als ein Hotel. Es ist ein Stück lebendige Geschichte, das sich immer wieder neu erfindet. Wer hier übernachtet, wohnt in einem Haus, das einst Weinfässer lagerte, Kartenspieler beherbergte und Fabrikarbeiter satt machte. Heute ist es ein Rückzugsort für alle, die flexibel reisen möchten – unweit von Bern, aber doch in einer eigenen, stillen Welt. Ein Ort, der zeigt, dass Wandel nicht Verlust bedeutet, sondern Chancen. Und dass ein „Hüsi“ aus Ziegeln auch nach 300 Jahren noch überraschen kann.
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